Frage: Gibt es Vierfachvergaser beim Ami-V8?

Aufklärung zum Doppel-Registervergaser

Veröffentlicht am 23. März 2023
Aktualisiert am 6. April 2026

Antwort: Nein!

Allgemeines

Es gibt tatsächlich echte Vierfachvergaser-Anlagen – allerdings nicht bei amerikanischen Autos, auch wenn das gern behauptet wird. Ein echter Vierfachvergaser besteht aus vier einzelnen Vergasern, die mechanisch gekoppelt sind, so wie man es eher von 4-Zylinder-Motorradmotoren kennt, wo jedes Zylinderchen seinen eigenen „Trinkhalm“ bekommt.

Daneben existieren Zweifach- bzw. Doppelvergaser, die im Grunde zwei miteinander verheiratete Einfachvergaser sind. Diese arbeiten parallel und teilen sich zum Beispiel die Schwimmerkammer – ganz kameradschaftlich, wie man es etwa vom VW Käfer oder dem Porsche 911 (bis 1973) kennt. Beim 911 wurde es dann schon etwas ambitionierter: zwei Dreifachvergaser, also je drei verbundene Einfachvergaser pro Zylinderbank – man gönnt sich ja sonst nichts.

Wer es noch eine Nummer aufwendiger mag, schaut zum Ferrari 250 GTO: Dort werkeln gleich sechs Doppelvergaser, also sechs Mal zwei verbundene Einfachvergaser. Da wird nicht nur Luft, sondern auch Ingenieurskunst in rauen Mengen bewegt.

All diese Konstruktionen haben jedoch mit den sogenannten „Ami-Vergasern“ wenig bis gar nichts zu tun, auch wenn der Begriff gern großzügig verwendet wird.

Der entscheidende Unterschied liegt im Prinzip: Bei Doppelvergasern öffnen beide Drosselklappen gleichzeitig, während beim Registervergaser alles schön der Reihe nach passiert – erst die eine (Primärstufe), dann die andere (Sekundärstufe), wie bei einem gut geplanten Mehrgangmenü.

Und genau hier liegt der klassische Irrtum: Die großen, hubraumstarken amerikanischen V8 werden oft mit „Vierfachvergasern“ in Verbindung gebracht. Klingt beeindruckend, ist aber technisch daneben – tatsächlich handelt es sich um Registervergaser, also Stufenvergaser. Vier Klappen ja, vier Vergaser nein. Klingt weniger spektakulär, fährt aber genauso laut.

Registervergaser

Die Vergaser unserer V8-Motoren, etwa der „Quadrajet“ von Rochester1, heißen in den USA ganz nüchtern „Four-Barrel Carburetor“ oder kurz „4bbl“. Und genau hier beginnt das sprachliche Missverständnis: Das „4-Barrel“ (also sinngemäß „vier Läufe“ oder „Kammern“) wird gern falsch als „Vierfachvergaser“ übersetzt – klingt imposant, ist technischer Mist und eher eine kreative Auslegung der Bezeichnung.

Tatsächlich besitzt so ein Vergaser vier Lufttrichter bzw. „Kammern“. Diese stehen jedoch nicht für vier einzelne Vergaser, sondern für zwei Primär– und zwei Sekundärstufen der Gemischaufbereitung. Deshalb spricht man korrekterweise von einem Stufen– oder Registervergaser. Im Grunde handelt es sich um zwei Registervergaser, die sich ein gemeinsames Gehäuse teilen – ein Doppel-Registervergaser also. Jeder dieser Register versorgt über die Ansaugbrücke jeweils vier Zylinder des V8, ganz ordentlich aufgeteilt.

Beim Registervergaser übernimmt die Primärstufe die Grundversorgung und arbeitet wie ein braver Einfachvergaser im Alltag. Die Sekundärstufe sitzt daneben im selben Gehäuse und wartet geduldig auf ihren Einsatz – ebenfalls als „Einfachvergaser im Bereitschaftsdienst“. Beide teilen sich sogar die Schwimmerkammer, was die Zusammenarbeit zusätzlich vereinfacht.

Die Drosselklappe der Primärstufe wird direkt über den Gaszug betätigt. Die Sekundärstufe hingegen hat ihren eigenen Kopf: Sie wird je nach Bauart entweder mechanisch über das Weitertreten des Gaspedals zum Bodenblech oder pneumatisch über den Unterdruck zugeschaltet. Und das auch erst dann, wenn wirklich Leistung gefragt ist. Beim entspannten Cruisen laufen also nur die beiden Primärstufen – der Motor begnügt sich mit einer Art „Halbpension“ für jeweils vier Zylinder.

Wer es exotischer mag: Eine besondere Spielart war die optional erhältliche Cross-Ram2-Ansaugbrücke beim Camaro Z/28 (siehe Foto). Hier wurden gleich zwei Doppel-Registervergaser mit 500 (oder 600) cfm3 von Holley4 montiert – also doppelt gemoppelt für den guten Ton. Ähnliche Konzepte fanden sich auch bei Cadillac und Buick. Buick setzte beim Riviera beispielsweise auf zwei Rochester 4MV oder zwei Carter5 AFB Vergaser. Spätestens hier wird klar: Wenn Amerikaner übertreiben, dann wenigstens systematisch.

Mehr Informationen zum Thema findest du auch unter Wikipedia #Registervergaser.

Geöffneter Doppel-Registervergaser Edelbrock #1406

Im Bild oben sind gut zu erkennen:

  • die rechte und linke Schwimmerkammer; zum Teil mit Benzin gefüllt
  • die rechte und linke Primärstufe; im Bild die unteren etwas dunkleren
  • die rechte und linke Sekundärstufe; im Bild die oberen etwas helleren

Fazit

Also: Versucht von der Bezeichnung dieser „Vierfachvergaser“ wegzukommen und nennt die Dinger korrekterweise Doppel-Registervergaser oder Doppel-Stufenvergaser.

Ich weiß, leider nennen auch „Fachleute“, Zeitschriften und Werkstätten die Teile falsch.

Anmerkungen

  1. Rochester Products Division war eine Tochtergesellschaft von General Motors und ein bekannter Hersteller von Vergasern für den US-Automobilbau. Rochester lieferte ab den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre Vergaser für viele GM-Fahrzeuge sowie für andere Automobilhersteller. Besonders bekannt wurde Rochester für seine „Quadrajet“-Vergaser, einen vierstufigen Registervergaser, der eine gute Mischung aus Leistung und Kraftstoffeffizienz bot und in vielen leistungsstarken amerikanischen Autos der 1960er und 1970er Jahre verbaut wurde.  ↩︎
  2. Das Besondere an einer Cross-Ram-Ansaugbrücke ist die kreuzweise angeordnete Führung der Ansaugrohre. Dabei wird die Luft- und Kraftstoffmischung über lange, sich kreuzende Ansaugwege in den gegenüberliegenden Zylinder geleitet. Die kreuzweise Anordnung der Ansaugrohre verlängert den Weg der Luft-Kraftstoff-Mischung, was zu einem besseren Füllungsgrad der Zylinder führt, insbesondere bei hohen Drehzahlen. Diese längeren Ansaugwege verbessern den sogenannten „Ram-Effekt“, bei dem die einströmende Luft durch ihre Trägheit den Zylinder mit mehr Kraft füllt, was zu einer verbesserten Leistungsausbeute führt. ↩︎
  3. cfm ist die Abkürzung für „cubic feet per minute“ (dt. Kubikfuß pro Minute) und bemisst den Volumenstrom. Eine vergleichbare SI-Einheit ist m3/h. In Bezug auf Vergaser beschreibt diese Zahl den Gemischdurchsatz. Umrechnung 1 m3/h entspricht ca. 0,589 cfm; 1 cfm entspricht ca. 1,699 m³/h ↩︎
  4. Holley ist ein US-amerikanischer Hersteller von Vergasern und weiteren Hochleistungs-Komponenten für Fahrzeuge. Gegründet 1896 von den Brüdern George und Earl Holley, etablierte sich das Unternehmen als bedeutender Lieferant für die Automobilindustrie. Besonders bekannt wurde Holley durch die Entwicklung von Vergasern für den Ford Model T. Im Laufe der Jahre wurden Holley-Vergaser in zahlreichen US-amerikanischen Fahrzeugen eingesetzt. ↩︎
  5. Carter war ein US-amerikanischer Hersteller von Vergasern, der 1909 von William Carter in St. Louis, Missouri, gegründet wurde. Das Unternehmen produzierte Vergaser für zahlreiche Automobilhersteller, darunter Chrysler, Ford, General Motors, AMC und Studebaker. Carter entwickelte den ersten amerikanischen Vierfachvergaser, der 1952 im Buick Straight-Eight eingesetzt wurde. Bekannte Modelle wie der WCFB, AFB und AVS wurden in vielen Fahrzeugen verwendet. In den 1980er Jahren stellte Carter die Produktion ein, da Vergaser zunehmend durch Einspritzsysteme ersetzt wurden. ↩︎