Chevrolet Camaro

die 1. Generation

Meilenstand vs. Laufleistung

Spekulation und Nachweisbarkeit

Die genaue Gesamtlaufleistung des Fahrzeugs lässt sich heute nicht mehr sicher bestimmen. Der Camaro besitzt einen fünfstelligen Meilenzähler, der nach 99’999 Meilen wieder bei null beginnt. Als das Fahrzeug 2017 zu mir kam, zeigte der Tacho 76’643 Meilen (entspricht 123’344 km) an. Damit kommen insbesondere zwei Möglichkeiten in Betracht: Tatsächlich etwa 76’600 Meilen oder – nach einem einmaligen Überlauf des Zählers – etwa 176’600 Meilen (284’000 km).

Eine einfache Berechnung über das gesamte Fahrzeugalter führt dabei in die Irre. Der Camaro wurde offensichtlich nicht über alle Jahrzehnte gleichmäßig genutzt. Für die Zeit ab etwa 2007 lässt sich sogar eine längere Phase mit praktisch keiner Fahrleistung rekonstruieren.

Der California Title1 weist für das Fahrzeug eine Neuklassifizierung im Jahr 2011 und ein damals neu vergebenes kalifornisches Kennzeichen aus. Die Registrierung lief am 8. Dezember 2012 ab und wurde anschließend offenbar nicht mehr verlängert. Nach den Angaben des damaligen Besitzers Dave Cooper wurde der Camaro 2011/2012 umfangreich für seine Frau restauriert. Neben Lackierung und Innenausstattung wurden zahlreiche Anbauteile erneuert und der 307-cui-Motor überholt. Cooper gab in seinem Verkaufsangebot von 2016 ausdrücklich an, dass das Fahrzeug seit Abschluss dieser Arbeiten weniger als 50 Meilen gefahren worden sei und ansonsten abgedeckt in der Garage gestanden habe.

Interessanterweise war nach Coopers Angaben auch das originale schwarze kalifornische Kennzeichen noch vorhanden. Bei der Wiederzulassung erhielt der Camaro dennoch ein neues Kennzeichen aus der damaligen 6er-Serie. Eine mögliche Erklärung ist eine längere Unterbrechung der California Registration: Fahrzeuge, die mehrere Jahre nicht registriert waren, konnten aus dem aktiven DMV-Datensatz2 verschwinden und mussten bei einer späteren Wiederzulassung neu erfasst werden.

Damit ist zumindest sicher, dass die geringe Fahrleistung der letzten Jahre vor dem Verkauf keine Hochrechnung auf das gesamte Fahrzeugleben erlaubt. Entscheidend ist vielmehr die Nutzung in den Jahrzehnten davor. Hier liegen einzelne historische Spuren vor: 1988 wurde ein neues Radio eingebaut, 1991 wurden neue Reifen gekauft und etwa zu dieser Zeit wurde auch die Windschutzscheibe ersetzt.

Das Fahrzeug wurde also noch mehr als zwanzig Jahre nach seiner Herstellung unterhalten und offenbar genutzt. Ein weiterer Hinweis ergibt sich aus der Lackhistorie. Bei der späteren Restaurierung konnten insgesamt acht übereinanderliegende Rest von Grundierungs- und Lackschichten festgestellt werden. Auch dies spricht dafür, dass der Camaro über sein Fahrzeugleben hinweg wiederholt instand gesetzt bzw. optisch aufgearbeitet und nicht lediglich über Jahrzehnte weitgehend ungenutzt abgestellt wurde. Die einzelnen Farbstationen des Camaro sind gesondert dokumentiert.

Historische Statistiken nennen für amerikanische Fahrzeuge erheblich höhere durchschnittliche Fahrleistungen als diejenige, die sich aus nur 76’000 Meilen über mehrere Jahrzehnte ergeben würde. Häufig werden Größenordnungen um 9’000 Meilen pro Jahr genannt; andere Untersuchungen zeigen ebenfalls eine zunehmende tägliche Fahrleistung amerikanischer Autofahrer während der 1970er- und 1980er-Jahre. Solche Durchschnittswerte lassen sich allerdings nicht unmittelbar auf einen einzelnen Camaro übertragen. Ein Fahrzeug kann bereits früh zum Zweit- oder Freizeitwagen geworden sein und dadurch weit unter dem Durchschnitt gelegen haben.

Unterstellt man eine regelmäßige Nutzung von 1969 bis in die 1970er- und 1980er-Jahre und anschließend eine mit zunehmendem Fahrzeugalter immer geringer werdende Jahresfahrleistung, sind rund 176’000 Meilen bzw. 284’000 km sehr gut plausibel. Dafür wäre lediglich ein einziger Durchlauf des fünfstelligen Meilenzählers erforderlich. Selbst bei 176’000 Meilen wäre die durchschnittliche Fahrleistung über mehrere Jahrzehnte noch vergleichsweise gering.

Auch 76’000 tatsächliche Meilen bzw. rund 123’000 km können jedoch nicht ausgeschlossen werden. Dafür müsste der Camaro bereits relativ früh deutlich weniger als ein durchschnittliches amerikanisches Alltagsfahrzeug gefahren worden sein oder weitere längere Stillstandszeiten gehabt haben. Dafür fehlen bislang ebenso die Belege wie für einen Überlauf des Meilenzählers.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Cooper in seinem ausführlichen Verkaufsangebot zwar die weniger als 50 Meilen seit der Restaurierung ausdrücklich hervorhob, die angezeigten rund 74’000 Meilen jedoch offenbar nicht als „original miles“ oder nachweisbare Gesamtlaufleistung bezeichnete. Auch der California Title von 2016 enthält keinen eingetragenen Odometerstand. Einen belastbaren Nachweis für nur 74’000 bzw. 76’000 Originalmeilen gibt es daher nicht.

Nach dem heutigen Kenntnisstand halte ich eine tatsächliche Laufleistung von rund 176’000 Meilen (ca. 284’000 km) für wahrscheinlicher als nur 76’000 Meilen (ca. 123’000 km). Beweisen lässt sich jedoch keine der beiden Varianten.

Anmerkungen

  1. Ein California Certificate of Title ist ein offizielles Dokument des kalifornischen Straßenverkehrsamts (DMV), das den rechtlichen Eigentümer eines Fahrzeugs ausweist und als Eigentumsnachweis dient ↩︎
  2. Department of Motor Vehicles (DMV) bezeichnet in den USA die staatliche Behörde eines Bundesstaates, die für Führerscheine, die Zulassung von Kraftfahrzeugen und offizielle Ausweise zuständig ist ↩︎